e-zigarette-test - Interview mit Dr. Adrian Payne

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Harm Reduction, Tabakverbrennung, Nikotinverdampfung, Jugendliche, Nichtraucher, Gesetzgebung, Snus, EU-Tabak- u. Nikotinregelwerk

Dr. Adrian Payne ist Direktor von Tobacco Horizons, eine Beratungsagentur für Harm Reduction (Risikominderung von Tabakkonsum). In seiner mehr als 30 Jahre langen Karriere hat er sowohl für die Tabakindustrie als auch für die Pharmaindustrie gearbeitet, häufig im Bereich zur Reduzierung von Tabakschäden.

Quelle: E CIGARETTE DIRECT - aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung - im Text als ECD)

Dr.Payne: Ausgehend von den existierenden Daten zur e-Zigarette – soweit diese schon publiziert sind – glaube ich, wir können vernünftigerweise davon ausgehen, dass e-Zigaretten mindestens zwei bis drei Größenordnungen weniger schädlich sind als herkömmliche Zigaretten. Der Hauptgrund für diesen riesigen Unterschied ist, dass e-Zigaretten keinen schädlichen Tabakrauch erzeugen. Aber es ist wichtig festzustellen, dass „Kein Rauch" nicht notwendigerweise heißt „Kein Schaden". Möglicherweise offenbaren Langzeitstudien gewisse Risiken.

Allerdings ist es schwer vorstellbar, dass diese Risiken auch nur in der Nähe der Risiken herkömmlicher Zigaretten sein könnten. Tatsächlich scheint es wahrscheinlich, dass die Hauptsorge unsere Kinder sein könnten, die womöglich Depots für die „Juice" verschlucken. Also ist klar, dass neben einer notwendigen Qualitätskontrolle diese Depots kindersicher hergestellt werden müssen.

Dr.Payne: Das Endergebnis der Tabakverbrennung und der Nikotinverdampfung sind grundlegend gleich, d.h. es entsteht ein nikotinhaltiges Aerosol, dass der Anwender einatmet. Beide Prozesse sind mit Hitze verbunden, ansonsten sind sie aber sehr verschieden. Das von der e-Zigarette erzeugte Aerosol enthält nicht die tausende chemischen Zusatzstoffe – von manchen glauben wir, dass sie extrem schädlich sind – die bei der Verbrennung von Tabak entstehen. Es ist wahr, dass Bedenken geäußert wurden über die möglichen schädlichen Wirkungen einiger chemische Komponenten, die außer dem Nikotin im Aerosol der e-Zigarette enthalten sind – z.B. Propylenglycol. Aber ausgehend von unserem gegenwärtigen Wissen sind diese Bedenken weit übertrieben, wenn man sie mit den Risiken des Rauchens vergleicht.

Dr.Payne: Ich bin selbst Vater und verstehe natürlich die Sorge, unsere Kinder könnten Gefallen an der e-Zigarette finden und dann mit dem konventionellen Rauchen anfangen. Aber ich weiß von keinerlei Belegen hierfür noch glaube ich, dass dies wahrscheinlich ist. Zum einen sind elektrische Zigaretten nichts, was man vom Taschengeld kaufen kann, und zum anderen habe ich noch nicht gehört, dass jemand diese Einwende gegenüber Nikotininhalatoren erhoben hat. Diese werden zumindest in Großbritannien frei über den Ladentisch verkauft. Auch sind mir keine Fälle bekannt, wo erwachsene Nichtraucher e-Zigaretten oder pharmazeutische Nikotininhalatoren als Einstieg zum Rauchen gebrauchen. Wenn es das gäbe, wüssten wir das – schlechte Nachrichten verbreiten sich schnell.

Dr.Payne: Meines Wissens war Philipp Morris schon lange vor dem Erscheinen der e-Zigaretten an den Diskussionen zur Tabakgesetzgebung beteiligt; ich glaube nicht dass dieser Verdacht gerechtfertigt ist. Für begründet halte ich allerdings die weitverbreitete Ansicht, dass, wenn diese Tabakgesetze in ihrem gegenwärtigen Entwurf geltendes Recht werden, so werden elektrische Zigaretten zusammen mit anderen innovativen Produkten vor der dann fast unmöglichen Aufgabe stehen, eine Zulassung zu erhalten, und somit in der Praxis verboten.

Tatsächlich würde das den Markt einfrieren und aufteilen zwischen den regulären Zigaretten (für all jene, die entweder rauchen oder an der rauchähnlichen Erfahrung teilhaben wollen, die die elektronische Zigarette bietet), rauchfreie Tabakprodukte (weniger schädlich als Zigaretten, aber eine vollständig verschiedene Erfahrung für den Verbraucher) und pharmazeutische Nikotinprodukte (für all jene, die mit dem Rauchen aufhören wollen oder doch zumindest drastisch einschränken wollen). Es besteht also das Risiko, dass e-Zigaretten in den Regularien gefangen werden, wobei den Verbrauchern das Angebot eines weit sichereren Produktes als der Tabakzigarette verwehrt wird, ein Produkt, das das Bedürfnis nach Rauchabstinenz besser erfüllen kann, als rauchfreier Tabak zum einen und pharmazeutischem Nikotin zum anderen.

Es würde weit mehr Sinn machen, eine weitere Regelkategorie einzuführen für Übergangsprodukte wie die elektronische Zigarette, und ich würde mich freuen, wenn die Hersteller dieser Produkte hier etwas aktiver herangehen würden. Sicherlich würde solch ein Vorgehen die Unterstützung derer im öffentlichen Gesundheitssektor finden, die elektronische Zigaretten eher als Lebensretter sehen denn als regulierungsbedürftigen Emporkömmling. Entwicklung und Umsetzung von angemessenen Regularien müsste nicht auf einmal geschehen, sondern könnte schrittweise erfolgen und den Produkten erlauben, zwischenzeitlich auf dem Markt zu bleiben.

Bestimmte große Pharmakonzerne mit Interesen in Produkten zur Raucherentwöhnung unterstützen sicherlich manche Gesundheitsverbände finanziell – die, die für das Verbot von e-Zigaretten eintreten. Zufälligerweise sind das dieselben Gruppen, die die Tabakgesetzgebung unterstützen, hinter der Philipp Morris steht. Aber mir ist nun keine besondere Aufforderung der Pharmaindustrie bewusst, eine solche antagonistische Position einzunehmen. Auch habe ich noch kein Positionspapier dieser Unternehmen zur e-Zigarette selbst gesehen. Damit will ich nicht sagen, dass diese nicht genauestens verfolgen, was an der e-Zigaretten-Front passiert – das wissen die sicherlich.

Dr.Payne: Nun, es ist sicherlich gut, dass manche Kommentatoren denken, die e-Zigaretten könnten hilfreich sein. Das derzeitige vorherrschende Verhalten der Raucher ist überraschend stur, wenn es um konventionelle Maßnahmen zum Gesundheitswesen geht. Abgesehen von der Risikominderung, geben e-Zigaretten durchaus in Benutzung und Berührung eine Erfahrung wie gewöhnliche Zigaretten, etwas, was andere Produkte zu einem Großteil nicht leisten. Was die Notwendigkeit weiterer Forschung angeht, so stimme ich zu, aber das sollte nicht zu Lasten der Produkte gehen, indem wir sie zwischenzeitlich einfach vom Markt nehmen. Das wäre schon bitter Ironie in diesem Fall, wenn Raucher, die auf e-Zigaretten umgestiegen sind, gezwungen würden, nun auf gewöhnliche Zigaretten zurückzugreifen.

Dr.Payne: In Zeiten der ökonomischen Krise, wenn viele Gesundheitsgruppen unter finanziellem Druck stehen, muss die Förderung womöglich von anderer Stelle erfolgen. Allerdings wäre es vollkommen angemessen, wenn nicht sogar wesentlich, diese Gesundheitsverbände mit einzubeziehen, wenn es darum geht, Richtlinien zu erarbeiten, Forschungen durchzuführen und zu bewerten, Forschungen zum langfristigen Potential von e-Zigaretten als weniger schädlicher Alternative zu Zigaretten. Und ja, vielleicht sinken die Steuereinnahmen, wenn die e-Zigarette im großen Stil sich durchsetzen. Aber ich hoffe doch, dass Regierungen die Steuerpolitik nutzen würden, um Raucher in Richtung sicherer Produkte zu lenken, und nicht, sie von ihnen fernzuhalten.

Dr.Payne: Ganz klar, Nikotinersatzprodukte funktionieren für manche Menschen, aber alles in Allem sind diese Hilfen weit weniger wirkungsvoll, als man erwarten möchte, besonders langfristig. Eine jüngere Untersuchung z.B. zeigt, dass sie nur bei 1,6% wirken, was immerhin noch erheblich besser ist als 0,4% bei Verwendung von Placebos.

Natürlich ist denkbar, dass die Entwicklung neuer Nikotinersatzprodukte dies verbessert, solcher Produkte, die das pharmakokinetische Profil der Nikotinaufnahme deutlicher nachahmen. Aber zu guter Letzt scheint ist es die Willenskraft sein, die dem Raucher hilft aufzuhören. e-Zigaretten könnten ein Übergangsmittel sein für Raucher, die übers Aufhören nachdenken. Sie könnten diesen Rauchern helfen, die nötige Willenskraft aufzubauen. Wenn sie sich so bewähren würden, dann wäre das offensichtlich ein Vorteil. Ich hoffe, wenn das der Fall sein sollte, dass dann Organisationen wie ASH UK das auch anerkennen und als Antwort darauf ihre Ratschläge entsprechend revidieren würden.

Dr.Payne: Die Zeiten haben sich geändert, seit die EU Snus verboten hat. Sogar die Hardliner der Tabakkontrolle anerkennen nun, das Snus viel sicherer ist als Zigaretten. Also scheinen die Gründe für eine Aufrechterhaltung des Verbotes eher politische zu sein als wissenschaftliche. Besonders, wenn man sieht, dass manche rauchfreie Produkte, die potentiell viel gefährlicher sind als Snus, legal verkauft werden dürfen. Das ist wirklich bizarr!

Vielleicht wäre hier die beste Antwort das Verbot von Snus durch eine vollständige Überarbeitung des EU-Tabak- und Nikotinregelwerkes. Ich möchte hoffen, dass dann alle Nikotinprodukte unter ein einheitliches Regelwerk fallen würden, ihrem Risiko nach eingeordnet. So könnte man sicherstellen, dass die Verbraucher entsprechend informiert werden, und ihr Risiko selbst einschätzen können.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: gemäß einer Studie könnten über 200.000 vorzeitige Todesfälle in nur fünfzehn EU-Ländern vermieden werden, wenn die Raucherquote so klein wie in Schweden wäre. Viele Beobachter verbinden dies mit der Bevorzugung von Snus vor Zigaretten. So rein intuitiv bin ich sehr versucht zuzustimmen. Aber da Snus im Vereinigten Königreich nie legal verkauft wurde, ist es nicht möglich eine definitive Antwort zu geben. Und das deshalb, weil wir nicht wissen, wie die britischen Verbraucher auf Snus reagiert hätten, wenn er als Alternative zu Zigaretten erhältlich gewesen wäre.

Es reicht nicht aus, ein weniger schädliches Produkt wie Snus ins Regal zu stellen, in der Hoffnung, dass die Konsumenten es schon kaufen werden. Es muss für sie wichtig und ausreichend nützlich sein, um einen Versuch zu wagen und auch zu wiederholen. Dasselbe gilt natürlich auch für elektrische Zigaretten und jede andere, weniger schädliche Alternative zur Zigarette. Hier ist eher eine Unterstützung durch das Gesundheitswesen als Kritik gefragt, um diese Nachricht rüber zu bringen, selbst wenn die Produkte von der Tabakindustrie kommen.

Dr.Payne: Absolute, hier gibt es klare Parallelen. Beide Produkte bieten Rauchern eine alternative Rauchversorgung zu einem drastisch reduzierten relativen Risiko, hauptsächlich weil die Verbrauch keinen Tabakrauch inhalieren müssen. Auch bieten beide Produkte manche rituellen Aspekte des Rauchens, die medizinische Produkte nicht haben. Und Schweden ist ein gutes Beispiel, wie sich Präferenzen ändern, wenn man dem Verbraucher eine Auswahl gibt. Das heißt natürlich nicht, dass eines der Produkte eine durchgängige Anziehung auf Raucher ausüben würde. Aber selbst wenn auch nur eine kleine Minderheit der Raucher wechseln würde, so könnte das doch eine beträchtliche Auswirkung auf die allgemeine Gesundheit haben.

Eine bedauerliche Parallele ist, dass der Widerstand gegen einige Alternativen zur Zigarette - wie Snus und e-Zigarette -aus der apodiktischen Ansicht geboren scheint, unsere gegenwärtige, moderne Gesellschaft müsse den Gebrauch von Tabakprodukten – oder allem Ähnlichen – restlos ausmerzen. Die „Prohibition" (Alkoholverbot) in den USA hat nicht funktioniert, und ich kann nicht erkennen, warum ein Tabakverbot funktionieren sollte. Manche Miesmacher behaupten, würden Alternativen wie elektronische Zigaretten und Snus angeboten, so würde beides in Kombination mit der Zigarette benutzt, und die eigentliche Raucherentwöhnung nur hinausgezögert. Doch das kann natürlich auch gegen medizinische Nikotinprodukte eingewandt werden, die ja die Gier nach Nikotin während der Abstinenz vom Rauchen lindern sollen – jedenfalls zeitweise.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass diese Kontroverse um Snus und e-Zigaretten ein Zeichen dafür ist, dass die gegenwärtigen Modelle der Tabak- und Nikotinregulierung ein Auslaufmodell sind. Es gibt Raucher, die ihre Nikotinabhängigkeit nicht überwinden können – oder wollen. Hier brauchen wir eine dringende Überarbeitung des Regelwerks, um diese Verbrauchern nicht etwa zu behindern, sondern ihnen zu helfen, eine gesündere Wahl zu treffen. e-Zigaretten und die Stimmen der vielen Benutzer von e-Zigaretten weltweit könnten sich als kraftvoller Katalysator für einen diesbezüglichen Wandel erweisen. Ich – als jemand der lange und leidenschaftlich an einer Risikominderung von Tabak interessiert ist – hoffe das ganz sicher!

ECD: vielen Dank für dieses Gespräch.