Interview mit David Sweanor

Interview mit David Sweanor

e-Zigarette, Reduzierung von Schäden durch Tabakkonsum, "Oral"-Tabak (Snus) und Anderes

(David Sweanor hat für zahlreiche Gesellschaften und Organisationen, darunter die Internationale Union gegen Krebs, die Weltgesundheits-organisation, die Weltbank und die panamerikanische Gesundheitsorganisation, über das Thema Reduzierung von Schäden durch Tabakkonsum gearbeitet. Er hat sowohl internationale Anerkennung erlangt als auch zahlreiche prestigeträchtige Auszeichnungen für seine Arbeit gewonnen.

Quelle: E CIGARETTE DIRECT
aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung - im Text als ECD

ECD: Wie kommt es, dass Sie sich für die Reduzierung von Schäden durch Tabakkonsum interessieren?

David Sweanor: Seit Anfang der 1980er Jahre bin ich aktiv in Fragen der Tabak- und Gesundheitspolitik. In dieser Zeit habe ich versucht, das anzuwenden, was ich bei anderen, erfolgreichen Gesundheitskampagnen gelernt habe. Jeder Versuch, Tod, Schaden oder Krankheit zu reduzieren, zieht eine Kombination von vier allgemeinen Strategien nach sich:

  1. Maßnahmen, um Leute davon abzuhalten, überhaupt ein riskantes Verhalten anzunehmen
  2. Maßnahmen, um diejenigen, die dieses Verhalten schon angenommen haben, dazu zu bewegen, wieder damit aufzuhören
  3. Bemühungen, Dritte vor Schäden durch dieses Verhalten zu bewahren
  4. Bemühungen, das Risiko für diejenigen zu mindern, die in diesem Verhalten fortfahren wollen

In den frühen 1990ern gab es überhaupt keinen Zweifel darüber, dass die überwältigende Mehrheit der durch das Rauchen verursachten Schäden eher eine Folge der Art und Weise des Nikotinkonsums war als eine Folge des Nikotinkonsums an sich. Hier gibt es eine Parallele zu Leuten, die lieber Teeblätter rauchen als diese in heißem Wasser aufzubrühen, um an das Koffein (Tein) zu gelangen. Gleichzeitig deuteten alle Prognosen darauf hin, dass der Konsum ansteigen würde trotz der internationalen Anti-Tabak-Politik, und das Verständnis, warum Menschen Nikotin konsumierten wuchs. Eine „Reine-Abstinenz"-Politik, die eine nikotinfreie Welt zum Ziele hatte, schien unrealistisch.

Spätestens um 1990 – und viel früher im Falle solch weitsichtiger Forscher wie Michael Russel – war es klar, dass eine Veränderung des Nikotinabgabesystems enorme Vorteile versprach. Merkwürdigerweise machte man eigentlich nichts mit dem Produkt, sondern beschäftigte sich ausgiebig mit den Fragen, wo man das Produkt verkaufen und benutzen könne, wie es besteuert werden solle, welchen Werbebeschränkungen es unterliegen würde, wie die Verpackung auszusehen hätte, etc. etc.

ECD: Welche Fortschritte gibt es denn, seit Sie mit dabei sind?

David Sweanor: Kurze Antwort – nicht genügend. Lange Antwort: das Bewusstsein ist erheblich geschärft für die Tatsache, dass die Risikolage sich ausgesprochen auf die Art und Weise des Nikotinkonsums bezieht. Außerdem gibt es eine immer größere Anzahl – wenn auch noch nicht genügend – medizinischer Formen der Verabreichung von Nikotin und der Verbreitung neuer Nikotinprodukte. Auch gibt es mittlerweile keinen wissenschaftlichen Zweifel daran, dass auf Verbrennung beruhende Produkt erheblich gefährlicher sind als solche, die ohne Verbrennungsprozess Nikotin abgeben, wie z.B. schwedischer „Oral"-Tabak (Snus). Wenn man denn nun einmal begreift, dass es auf die Gesamtrisikolage ankommt, ein Risiko-Kontinuum sozusagen, dann wird auch schnell klar, dass der Nikotinkonsum in naher Zeit nicht zum erliegen kommen wird, jedenfalls nicht zur Gänze. Dies kommt nun zu einer Zeit, da viele Länder beginnen, Tabakprodukte zu regulieren und auch darüber nachdenken, diese Regulierung umfassend auf alle Nikotinprodukte auszudehnen. Jede rationale, gesundheitsbezogene Regulierung muss sich mit der Tatsache differenzierter Risiken auseinandersetzen.

ECD: Ich weiß, dass Sie nicht notwendigerweise mit unserer Theorie übereinstimmen, dass es eine Verschwörung gegen alternative Formen des Rauchens gibt. Allerdings haben Sie auch gesagt, dass „Snus" (Oraltabak) wesentlich sicherer ist als Zigarettenrauchen. Wie erklären Sie die unlogischen Verbote alternativer Tabakprodukte in der Europäischen Union, wo Snus verboten ist, Zigaretten und der gefährlichere Kautabak aber legal sind?

David Sweanor: Zigaretten, so meine ich jedenfalls, haben den Markt für so lange Zeit dominiert, dass die Menschen Schwierigkeiten haben, Alternativen zu sehen. Viele derer, die Nicht-Verbrennungsprodukte reguliert sehen wollen – und sicherlich manche der Unternehmen, die diese verkaufen – betrachten diese als einen Weg, das Rauchen von Zigaretten in alle Ewigkeit fortzusetzen, und nicht als Möglichkeit, die herkömmliche Zigarette zu ersetzen. Snus wurde so zu einem potentiell zusätzlichen Problem und nicht zu einer Teillösung eines viel größeren Gesundheitsproblems, und so schienen Bemühungen, es vom Markt zu halten, damals logisch.

ECD: Welchen Schaden hat das Snusverbot verursacht?

David Sweanor: Ich glaube, wir haben hauptsächlich die große Chance vertan, die effektive Machbarkeit zu zeigen, die eine alternative, weniger toxische Nikotinvergabe gegenüber herkömmlichen Zigaretten haben könnte. Sobald wir anerkennen, dass Verbraucher sich Nikotin zuführen können ohne wiederholte Inhalation von Zigarettenrauch, und dass ein Anteil der gegenwärtigen Raucher dies für akzeptabel halten – wenn nicht gar vorziehen – so kommen wir zu einem Paradigmawechsel. Wenn wir dahin gelangen, den Zigaretten ihr derzeitiges „Nikotinversorgungsmonopol" abzusprechen, so könnten wir damit die Landschaft der öffentlichen Gesundheitsvorsorge verwandeln. Wenn wir anerkennen, dass die Bedürfnisse der Raucher erfüllt werden können, ohne den Tod etwa der Hälfte der Langzeitkonsumenten nach sich zu ziehen, dann können wir unsere Gesellschaft dahin bewegen, dass der Nikotinkonsum eine ähnliche Metamorphose durchmachen kann, wie wir sie schon erlebt haben: bei der Autosicherheit, Telekommunikation, Gesundheitspflege, Pharmaprodukten, Nahrungszubereitung, alkoholischen Getränken – und einer Myriade von anderen Waren und Diensten. Wir könnten den Markt transformieren – eine angemessene Regulierung vorausgesetzt –durch wechselseitig sich unterstützende Maßnahmen, einen Tugendkreis, wie wachsendes Verbraucherbewusstsein und stetig weniger gefährliche Alternativen zu Zigaretten.

Zusätzlich verursacht das Verbot von Snus und ähnlichen Produkten erhebliche ethische Probleme und ruft Menschenrechtsfragen auf. Die Vorstellung, Millionen von Rauchern den Zugang zu diesen Produkten zu verwehren, und sie sozusagen mit einem weit gefährlicheren Produkt alleine zu lassen, sollte erhebliche Bedenken hervorrufen. Irreführende Behauptungen über die Risiken von Produkten wie Snus, besonders die großer Gesundheitsorganisationen und Regierungsbehörden, bergen die Gefahr einer Erosion des Vertrauens der Verbraucher in diese öffentlichen Gesundheitsinstitutionen. Dies hat dann letztendlich eine große Auswirkung auf eine Vielzahl von Bereichen, nicht nur Nikotin.

ECD: Sehen Sie irgendeine Parallele zwischen Snus und e-Zigaretten, der Opposition gegen beides?

David Sweanor: Ein Teil der Opposition gegen Nikotinprodukte kommt aus demselben moralischen Absolutismus, den wir auch in anderen Bereichen der „reinen Abstinenz"-Bemühungen sehen – wie z.B. Alkohol oder sexuelle Aktivität. Tatsächlich sehen wir in vielen Feldern eine erhebliche Spannung zwischen denen, die auf moralischer, absolutistischer Suche sind – gewöhnlicherweise verbunden mit Weltverbesserungsansprüchen – und denen, die eine pragmatische Lösung für Fragen der öffentlichen Gesundheit suchen. Es wäre falsch, die moralistischen Weltverbesserer als Verfechter öffentlicher Gesundheitspolitik zu sehen. Ob wir nun auf die „Reine-Abstinenz"-Kampagnen im Bereich Sex, Alkohol, illegaler Drogen oder Nikotin schauen, das ist gleich. Kampagnen, die den „besseren Menschen" zum Ziel haben, und nicht eine Verbesserung für die Menschen, werden von moralischer Rechtschaffenheit angetrieben – nicht von den Fragen der öffentlichen Gesundheit.

ECD: Sie haben gesagt, dass e-Zigaretten nicht sicher sind, aber viel sicherer als normale Zigaretten. Wie unsicher genau sind sie denn?

David Sweanor: Nach vielen zehntausend Seiten an Forschungspapieren wissen wir, was die Krankheiten verursacht, die mit Rauchen verbunden sind. In aller Kürze: es ist der Rauch. Produkte ohne Tabakverbrennung weisen unterschiedliche Risiken auf, aber alles, was wir über diese Produktlinie (rauchfreier Tabak, e-Zigaretten, medizinisches Nikotin), so wie sie im Westen verkauft wird, wissen, sagt uns, dass herkömmliche Zigaretten um Größenordnungen gefährlicher sind.

Was die Aussage „nicht sicher" angeht, so lassen Sie mich das einmal ausführen. Also wenn ich diesen „nicht sicher"-Spruch höre, dann muss ich sagen: nichts ist absolut sicher. Alles bringt ein Risiko mit sich, also einfach nur zu sagen, etwas sei nicht sicher, zeigt uns einen Menschen, der entweder unwissend oder unaufrichtig ist. Der eigentliche Punkt hier ist, Sicherheit ist ein relatives Konzept, und wir müssen die Sicherheit einer Aktivität immer im Zusammenhang mit einer Alternative sehen. Anstatt den unerreichbaren Standard von „sicher" zu verfolgen, sollten wir lieber an „sicherer" denken. Obwohl Fußball nicht ungefährlich ist, so ist es mir doch lieber, meine Kinder spielen Fußball und nicht mit scharfen Handgranaten.

ECD: Sie unterstützen e-Zigaretten. Können Sie uns sagen, warum?

David Sweanor: Ich unterstütze weniger toxische Alternativen für Raucher. Der Nikotinkonsum sollte nicht mit einem Todesurteil verbunden sein.
Idealerweise benötigen wir eine regulierende Behörde, die es leichter macht, Raucher mit alternativen Produkten zu versorgen, sie genauestens über deren relative Risiken aufklärt und sie soweit wie möglich in der Gesamtrisikobeurteilung nach unten bewegt.

Der Nikotinmarkt muss aufgerüttelt werden, und die Unternehmer, die hinter den e-Zigaretten stehen, sind womöglich in ausreichendem Maße risikofreudig, um genau dies zu verursachen. Die Angelegenheit muss ins Licht der Öffentlichkeit und Politikern zur Kenntnis gebracht werden, und bis das geschieht, wird keine Neuorientierung auf dem gesamten Nikotinmarkt stattfinden.

ECD: Gegner elektrischer Zigaretten geben an, dass Raucher vom Aufhören abgehalten werden könnten – das ist unbestritten – und dass die Behauptung unbewiesen sei, dass e-Zigaretten gesünder als normale Zigaretten seien. Was erwidern sie auf diese Behauptungen?

David Sweanor: Wenn es jemanden gibt, der glaubt, Zigaretten seien nicht gefährlicher als e-Zigaretten, dem empfehle ich einen Nachhilfekurs in den Grundlagen der Wissenschaft. Und Anti-Nikotin-Kampagnen, die sagen, wir brauchen noch mehr Forschungsergebnisse, halte ich entgegen, dass sie Nitsche bestätigen: wir nehmen die Eigenschaften unserer Gegner an. Über Jahrzehnte hat die Zigarettenindustrie fadenscheinig erklärt, „wir brauchen mehr Forschung", ehe wir zu politischen Entscheidungen kommen könnten – trotz der bereits vorhandenen Basis für eine begründete Politik. Das sind doch alles schlechte Vorbilder.
Ein Punkt der Kritik an e-Zigaretten ist, dass wir nicht wissen, wie die Inhalation von erhitztem Nikotindampf sich auf die Lunge auswirkt. Ist das eine gültige Kritik?
Wir wissen jedenfalls genau, dass das Inhalieren von erhitztem Nikotindampf ein Gutteil weniger gefährlich ist, als das Ganze mit tausenden von Chemikalien und Dutzenden von bekannten Karzinogen einzuatmen, die im Rauch einer gewöhnlichen Tabakzigarette enthalten sind. Eine Untersuchung, um festzustellen, ob der e-Raucher mit seinem Dampf 1/100 oder 1/1000 Risiko trägt, wäre sicherlich eine gute Sache. Aber falls jemand der Meinung ist, man dürfe herkömmliche Zigaretten auf dem Markt keiner Konkurrenz aussetzen, bis solche Forschungsergebnisse zur Verfügung stünden, dem empfehle ich doch tiefes Nachdenken. Auch sollten sie sich fragen, ob sie womöglich eine Nitzsche-Verwandlung durchgemacht haben, dass sie klingen lässt wie die Vorstandsdirektoren der Zigarettenindustrie in den 1970er Jahren.

ECD: Wie stehen Sie zu den Aktivisten für öffentliche Gesundheit, deren Kampagne, e-Zigaretten zu verbieten, um so zu versuchen, den Rauchern, die entweder nicht aufhören können oder dies nicht wollen, die Auswahl an Produkten einzuschränken?

David Sweanor: Ich glaube nicht, dass Vertreter aus dem öffentlichen Gesundheitsbereich dies tun. Ich glaube, das sind die Anhänger einer moralischen, reinen Abstinenz. Die wollen auch, dass Konsumenten keine Alternative zu Alkohol haben, niemand Zugang zur Geburtenkontrolle hat, Heroinsüchtige keine sterilen Nadeln erhalten sollten. Aber diese Leute sind keine Verfechter öffentlicher Gesundheitsfürsorge.
Andererseits gibt es meiner Meinung nach allerdings auch Leute, die sich ganz legitim für öffentliche Gesundheitsfürsorge einsetzen und Produkte wie e-Zigaretten ablehnen. Vielleicht, weil sie wollen, dass alle diese Produkte in einem umfassenden Rahmen reguliert werden – als medizinische beispielsweise. Gedacht, um Rauchern das Aufhören zu erleichtern. Sie befürchten, dass unregulierte Produkte sich verbreiten könnten und so einen riesigen Markt an scheinbaren Wundermitteln eröffnen könnten. Diese Leute sind dann aber auch in der Pflicht, für ein solches Rahmenwerk zu werben und nicht unabsichtlich die Geschäfte der Zigarettenindustrie zu schützen.

ECD: Die Frage der elektrischen Zigarette ist derzeit völlig unentschieden. Wie beurteilen Sie die Zukunft – wird sie Snus in die Vergessenheit folgen oder ist sie das Rauchen der Zukunft?

David Sweanor: Ich glaube, wir befinden uns in der Anfangsphase einer Umwälzung im Bereich des Nikotinkonsums in der Freizeit. Wie bei der Revolution in der Telekommunikation so ist es sehr unwahrscheinlich in einem so frühen Stadium zu sagen, wohin es sich entwickeln wird. Aber man kann wohl sicher sagen, das Verbraucherinteressen und Unternehmergeist gemeinsam einen grundlegenden Wandel herbeiführen werden. Und diesen Wandel sehen wir schon an der wachsenden Anzahl von verbrennungsfreien Tabakprodukten in Ländern wie Norwegen oder den USA und die immer steigende Verwendung von medizinischen Nikotinprodukten für andere Zwecke als die unmittelbare Entwöhnung. Die Gewinner dieser Markttransformation werden wahrscheinlich Produkte sein, die eine große Vielfalt und Varietät anbieten. Den Wünschen der Konsumenten und den Anforderungen eines dynamischen Marktes entsprechend. Persönlich glaube ich, dass einige der erfolgreichsten Produkte die sein werden, die den Verbrauchern helfen, ihre Nikotinsucht mit der Zeit zu überwinden. Diese größere Produktauswahl und deren Verbreitung wird den Tod von hunderten Millionen Menschen vermeiden helfen, die Eigentümer erfolgreicher Produktlinien werden eine unsagbare Menge an Geld verdienen und eine Unzahl von Arbeitsplätzen werden entstehen, so wie sich dieser Markt transformiert. Selten gab es eine Chance, Milliardär zu werden und gleichzeitig Millionen von Leben zu retten. Ich glaube, manche werden sie ergreifen.

ECD: Wir danken für dieses Gespräch