e-zigarette-test - Interview mit Dr. Joel Nitzkin

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Dr. Joel Nitzkin über Forschung zur Ezigarette, Gesundheitsrisiken, alternative Tabakprodukte, Snus, rauchfreien Tabak, Nikotinpflaster, Nikotinkaugummi, Gefährdung Kinder und Jugendlicher, gesetzliche Regulierung

Dr. Joel Nitzkin, Vorsitzender der Tobacco Control Task Force for the American Association of Public Health Physicians, stellt hier seine fachkundige Meinung zur e-Zigarette vor.

Quelle: E CIGARETTE DIRECT  - aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung - im Text als ECD)

ECD: Sie haben behauptet, dass ausgehend von den vorhandenen Forschungsergebnissen e-Zigaretten bei weitem sicherer sind als Zigaretten. Wieviel sicherer sind sie, und wie gewiss können wir dieser relativen Sicherheit sein?

Dr. Nitzkin: Es gibt keine Forschung zur e-Zigarette an sich. Die Informationen zum Risiko, die wir haben, beziehen sich auf die Nikotinabgabe zur Nikotinentwöhnung und auf die risikoärmsten Tabakprodukte, die grundsätzlich dieselbe Menge Nikotin abgeben.

Das sicherste Tabakprodukt ist „Snus". Wir werten auf unserer Webseite Literatur zu Snus aus, und die besten epidemiologischen Untersuchungen zeigen grundsätzlich, dass Snus in keiner Weise für ein Ansteigen von Todesfällen verantwortlich ist. Mit anderen Worten: wenn es ein Gesundheitsrisiko in Verbindung mit Snus gibt, so ist das kleiner, als wir es mit diesen Untersuchungen messen können. Wenn wir das festhalten, dann ist es leicht vorstellbar, dass ein Tabakprodukt, das nichts als Nikotin ohne die anderen toxischen Chemikalien abgibt, mindestens genauso sicher sein sollte.

Wenn wir also davon ausgehen, dass das Nikotin in den eZigaretten grundsätzlich das gleiche ist wie in den medizinischen Produkten, so haben wir jeden Grund zu der Annahme, dass das Risiko, das eZigaretten darstellen, kleiner als ein Prozent, wahrscheinlich sogar kleiner als ein Zehntel Prozent, des Risikos ist, das von herkömmlichen Zigaretten ausgeht.

ECD: Wir haben mit Ash UK gesprochen und die Auskunft erhalten, dass es nicht genügend Forschung zu eZigaretten gibt, und dass sie nicht chemisch getestet wurden.

Dr. Nitzkin: Nun, mindestens ein Hersteller wurde chemisch getestet; es gibt viele verschiedene Hersteller von elektrischen Zigaretten.

Eines der positiven Dinge, die wir uns von den Gesetzentwürfen der FDA erhoffen, ist die Forderung nach Qualitätssicherung bei der Herstellung. So könnten wir sicherstellen, das die Dosierung korrekt ist und die Depots keinerlei Verunreinigung enthalten, die ein Gesundheitsrisiko bilden könnten. So haben zum Beispiel viele dieser Produkte geschmackliche Zusatzstoffe, und ich weiß nicht, ob oder ob nicht diese Zusatzstoffe ein Gesundheitsrisiko darstellen. Wenn sie es tun, so denke ich, würde es ein eher kleines sein.

ECD: Welche Forschung muss in bezug auf die Benutzung der e-Zigaretten durchgeführt werden?

Dr. Nitzkin: Als allererstes – und ich betrachte dies nicht als Forschung – brauchen wir ein Gutachten eines unabhängigen Labors zur Qualitätskontrolle. Und zwar muss hier Charge für Charge sichergestellt werden, dass der chemische Inhalt nicht durch Schwermetalle oder krebserregende Substanzen verunreinigt ist. Auch müsste garantiert werden, dass die Dosierung der angegebenen entspricht.

Was die übrige Forschung angeht, herrscht eine große Uneinigkeit. Diejenigen, die eZigaretten und die ganze Gruppe der alternativen Nikotinprodukte ablehnen, bringen zum Ausdruck, dass um wirklich sicher zu gehen, klinische Tests unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt werden müssen.
Das Problem bei solchen klinischen Tests unter kontrollierten Bedingungen ist, das es im Praktischen unmöglich wäre, diese durchzuführen. Warum wäre das praktisch unmöglich? Nun weil eine große Anzahl, vermutlich mehrere Tausend, Nichtraucher geworben werden müssten, und diese müssten damit einverstanden sein, zufällig in ein, zwei oder mehr Gruppen aufgeteilt zu werden. Eine dieser Gruppen würde Zigaretten rauchen, was ganz klar ein Gesundheitsrisiko darstellt, und andere würden verschiedene rauchfreie Produkte testen, einschließlich elektrischer Zigaretten.

Nicht nur das, denn da diese Produkte nicht für die kurzfristige Nikotinentwöhnung beworben werden, müsste diese Studie vermutlich über ein Jahrzehnt oder länger laufen, um die langfristigen Effekte zu zeigen. Eine solche Studie nun würde zig Millionen Dollar kosten – pro Produkt. Wenn wir einmal von den Grundkosten absehen, wäre es praktisch immer noch unmöglich. Einer der Gründe hierfür ist, das ich mir nicht vorstellen kann, dass Nichtraucher sich jemals einem solchen Risiko aussetzen würden, und wenn Sie mit Rauchern anfangen, dann gäbe es hier ein Risiko, das aus dem bisherigen Rauchen stammt.

Zum anderen, um respektabel zu sein, müsste man wahrscheinlich ein akademisches Institut, vorzugsweise ein amerikanisches, wissenschaftliches Zentrum beauftragen, diese Untersuchungen durchzuführen. Nun haben alle amerikanische, akademischen Zentren etwas, was sie Institutional Review Board (etwa Ethikkommission) nennen, und diese Ethikkommission muss jede Forschung genehmigen. Und wenn man da mit einer Forschung kommt, die die Teilnehmer an der Forschung einem gesundheitlichen Risiko aussetzt, aber für die Probanden keinerlei therapeutischen Nutzen hätte, so würden deren Regularien es vermutlich nicht gestatten, einer solche Studie zuzustimmen. Deswegen habe ich die Feststellung getroffen und dies wiederholt, dass die Untersuchungsrichtlinien, die zum jetzigen Zeitpunkt im Entwurf zur Tabakgesetzgebung der FDA enthalten sind, tatsächlich ein Verbot der eZigaretten darstellen.

Sie werden sagen, man kann die e-Zigaretten nicht verkaufen, bis die Untersuchungen zur Zufriedenheit der FDA abgeschlossen sind, und wenn es unmöglich ist, diese durchzuführen, dann stellt dies ein Verbot der Produkte dar. Punkt.

ECD: Das würde dann nicht nur eZigaretten verbieten, nicht wahr? Andere alternative Produkte wären auch betroffen...

Dr. Nitzkin: E-Zigaretten, Nikotinpflaster, Snus und jedes andere Tabakprodukt, das mit einem geringeren oder veränderten Risiko wirbt.

ECD: Mal abgesehen von der Regulierung, wäre es möglich, die Effekte der elektronischen Zigarette auf Raucher zu testen, die schon auf elektronische Zigaretten umgestiegen sind?

Dr. Nitzkin: Das wäre sehr schwierig. Die Frage hier ist: im Vergleich wozu? Wenn die meisten der Leute, die elektronische Zigaretten rauchen, zuvor herkömmliche Zigaretten geraucht haben, wer könnte dann sagen, inwieweit die Auswirkungen auf die normalen Zigaretten zurückzuführen ist? Unsere Idee ist – die der AAPHP  - dass Produkte wie elektronische Zigaretten und andere alternative Nikotinprodukte ihre Marktzulassung erhalten sollten, und zwar basierend auf den derzeit zur Verfügung stehenden Forschungsergebnissen. Einmal auf dem Markt, brauchen wir natürlich eine strikte Qualitätskontrolle über den Herstellungsprozess, die der FDA erlauben würde, die Fabriken zu inspizieren und die Tests durchzuführen, über die wir gesprochen haben. Durch ein unabhängiges Institut natürlich.

Zusätzlich müsste man nach der Markteinführung Untersuchungen bei Benutzern anstellen, und zwar durch eine Bundesbehörde finanziert durch Steuereinnahmen aus dem Verkauf der Produkte. Diese würde normale Raucher und Anwender von e-Zigaretten über einen Zeitraum von Jahren miteinschließen, während das Produkt auf dem Markt verkauft würde, und das Risiko dieser Produkte einschätzen helfen. Wissen Sie, ich habe gerade eine Nachricht auf dem Schreibtisch, die behauptet, ein gewisser Nikotinkaugummi berge ein Krebsrisiko, das bisher nicht vermutet wurde. Ich habe den Bericht noch nicht gelesen, aber das ist die Art von Dingen, nach denen wir Ausschau halten müssen.

Wie auch immer, ich glaube nicht, dass wir in Frage stellen können, das die e-Zigarette auf gar keinen Fall auch nur annähernd so schädlich sein könnte wie die herkömmliche Zigarette. Zigaretten werden für den Tod von dreißig Prozent der Raucher verantwortlich gemacht, bei e-Zigaretten gehen wir von einem Prozent aus.

ECD: In Großbritannien gibt es eine Organisation – ASH UK - die fordert, Raucher sollten bei Produkten wie Nikotinpflastern und –kaugummis bleiben, jedenfalls mindestens solange bis es genauere Forschungsergebnisse gibt. Wie schätzen Sie die Effektivität dieser Produkte ein?

Dr. Nitzkin: Nun, da gibt's zwei Probleme mit Nikotinpflastern und Nikotinkaugummis.

ProblemNummer Eins: so wie diese Produkte konzipiert sind, erzeugen sie nicht den Nikotinkick, auf den der Raucher aus ist. Das Nikotin wird über einen langen Zeitraum langsam abgegeben und bietet so nicht dieselbe Zufriedenheit.

Problem Nummer Zwei: diese Produkte haben nur eine Zulassung für die kurzfristige Verwendung, im Grunde nur für bis zu zwölf Wochen als Produkte zur Nikotinentwöhnung. Wenn nun also jemand vorschlägt, ein Raucher solle diese Nikotinersatzprodukte für mehr als zwölf Wochen nutzen, dann wäre dies ein nicht bestimmungsgemäßer Gebrauch und illegal, denn es wurde ja nicht für einen längeren Zeitraum als zwölf Wochen zugelassen.

ECD: Obwohl das immer noch besser als Rauchen wäre.

Dr. Nitzkin: Oh ja, es wäre ganz sicher besser als Rauchen.

ECD: Dann haben diese Produkte es grundsätzlich mit denselben Problemen zu tun wie die elektronischen Zigaretten?

Dr. Nitzkin: Ja, es gibt keine Untersuchungen zu den Langzeitwirkungen.

ECD: Eine weitere weitverbreitete Sorge vor allem von Nichtrauchern, die diese in zahllosen Blog-Kommentaren und Artikeln verbreitet haben, ist die, dass elektronische Zigarette ja immer noch Nikotin enthalten. Allerdings ist mein Verständnis, dass Nikotin im Vergleich zu Tabak nicht so schlimm ist. Was sagen Sie dazu?

Dr. Nitzkin: Nun ja, Nikotin ist nicht unschädlich und Nikotin macht stark abhängig. Verglichen mit Lebensmitteln und Lebensmittelzusätzen würde man Nikotin als gefährliche Substanz ansehen, denn Menschen mit einem Herzproblem könnten Schaden nehmen an Nikotin – aber verglichen mit Zigaretten?

Lassen Sie mich mal versuchen, das Ganze in eine etwas vereinfachte Perspektive zu stellen. Ich weiß nicht, ob Sie unsere Informationsschrift zur Risikominimierung beim Tabakgebrauch heruntergeladen haben. Im Wesentlichen finden Sie dort am Ende eine Einschätzung der Größenordnung der Gefährlichkeit zwischen Tabak und anderen Produkten. Tabak ist mehr als 100.000-mal riskanter als was wir von einem Verbraucherstandpunkt als akzeptabel ansehen würden, was das Todesfallrisiko bei routinemäßigem Gebrauch angeht. Wenn Sie nun also ein Produkt haben, das um ganze drei Größenordnungen weniger schädlich ist als eine Zigarette, das weniger als 0,1 % des Schadenspotentials einer Zigarette birgt, dann ist das immer noch 100 mal riskanter, als man üblicherweise für den Verbraucher zulassen würde. Das also sind die Größenunterschiede.

Also ist die Frage: im Vergleich wozu? Wir wollen keine Nichtraucher ermutigen, e-Zigaretten zu benutzen, wir wollen Raucher ermutigen, auf e-Zigaretten umzusteigen.

ECD: Ja, wir haben mit David Sweanor gesprochen, und er hat so ziemlich dasselbe gesagt. Da gibt es auch noch den Kritikpunkt, dass wir nicht wissen, wie das Inhalieren von erhitztem Nikotin sich auswirkt, und das dies möglicherweise schädlich sein könnte?

Dr. Nitzkin: Das ist richtig: das wissen wir nicht und wir können nur raten, wie sich das Ganze auswirkt. Meine Vermutung wäre, dass es wahrscheinlich für Leute mit einer Herzerkrankung gefährlicher wäre, aber da muss noch geforscht werden. Der andere Faktor, den ich nicht kenne ist, wieviel Nikotin bei einer eZigarette eigentlich die Lunge erreicht. Wird es wie bei Zigarren von der Schleimhaut absorbiert? Oder von der Lunge durch Inhalation wie bei Rauchern? Vermutlich wie bei Rauchern, denn die Leute benutzen sie in der gleichen Art und Weise. Aber diese Forschung muss noch geleistet werden, das ist alles eine offene Frage. Aber wenn wir es mit dem vergleichen, was wir schon wissen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass eZigaretten wesentlich risikoärmer sind als Zigaretten.

ECD: Aber wäre es denn sehr schwierig, diese Forschungen durchzuführen?

Dr. Nitzkin: Nein, das wäre nicht so schwierig. Es wäre ein Unternehmen notwendig, das einen befähigten Forscher beauftragt. Der müsste dann so etwa vierzig bis einhundert Nichtraucher oder sogar Raucher bewegen, da mitzumachen. Diese müssten zufällig aufgeteilt werden; die eine Gruppe würde e-Zigaretten ohne Nikotin benutzen, die andere e-Zigaretten mit Nikotin. Und dann könnte man den Herzstatus messen, Bluttests durchführen und sehen, was da so alles passiert. Das wäre nicht so schwierig.

Aber lassen Sie mich noch etwas hinzufügen, klarstellen: das wäre eine leicht machbare Studie, wenn Sie sich die akuten, kurzfristigen Gesundheitsrisiken anschauen wollen. Man hätte immer noch keine Ahnung, was die Langzeiteffekte angeht, wie zum Beispiel ein erhöhtes Krebsrisiko. Die Studie zu erhöhten Krebsrisiken würde Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Und könnte wahrscheinlich nicht durchgeführt werden.

ECD: Gesundheits-organisationen sind besorgt, dass die Existenz einer Alternative zum Rauchen Raucher davon abhalten wird, damit aufzuhören, und möglicherweise junge Leute dazu bringen wird, mit dem Rauchen anzufangen. Teilen Sie diese Besorgnis?

Dr. Nitzkin: Ja, das ist deren große Sorge. Aber da wollen wir doch eins im Gedächtnis behalten, diese ganze Sache wurde zwischen der „Campaign for Tobacco Free Kids" und Phillip Morris ausgehandelt. „Campaign for Tobacco Free Kids" hat nur ein einziges Ziel: Kinder und Jugendliche davon abzuhalten, überhaupt mit dem Tabakkonsum anzufangen. In deren Vorstellung sind Tabak und alle Tabak-verwandten Produkte böse, und jedesmal, wenn man ein neues Produkt am Markt einführt, vergrößert man das Risiko, das unsere Teenager mit dem Rauchen anfangen. Also sind sie ganz unwandelbar gegen jedwede Einführung neuer Tabakprodukte oder Tabak-verwandter Produkte, denn in ihrer Vorstelllung – bis zum Beweis des Gegenteils - wird diese Einführung den Nikotingebrauch durch Jugendliche drastisch erhöhen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist mir keine Untersuchung hierzu bekannt. Jedes e-Zigarettenunternehmen, mit dem ich gesprochen habe, hat versichert, dass sie nicht bei Teenagern für ihre Produkte werben, aber auch unser Zigarettenhersteller tun das nicht – jedenfalls nicht offen. Also müsste man Studien durchführen, um herauszufinden, in welchem Umfang Teenager e-Zigaretten oder andere alternative Tabakprodukte benutzen.

ECD: Ich denke gerade an etwas. In meiner Kindheit, da gab es eine ganz bestimmte Art von Kind, das mit dem Rauchen anfangen würde. Ein Teil der Anziehung war, das es verboten und schlecht für dich war. Ich frage mich, ob diese Art von Kind nun mit e-Zigaretten oder mit richtigen Zigaretten anfangen würde?

Dr. Nitzkin: Nun, ich glaube, das so jemand mit den „Echten" anfangen würde – und nicht mit der „Fälschung". Aber was sie benutzen und ob sie es benutzen, wird hauptsächlich davon abhängen, was ihre Altersgenossen benutzen, ihre Freunde, und was sie ihre Eltern zuhause benutzen sehen.

ECD: Also besteht diese Gefahr?

Dr. Nitzkin: Ja, diese Gefahr existiert. Wir wissen nicht, wie groß diese Gefahr ist. Lassen Sie mich das mal anders sagen. Zigaretten werden gegenwärtig für den Tod von 400.000 Amerikanern verantwortlich gemacht. Wenn wir alle diese Raucher dazu bewegen könnten, von herkömmlichen Zigaretten auf e-Zigaretten umzusteigen oder auf andere, alternative Nikotinprodukte, so würde wir im Ende die Todesrate von 400.000 pro Jahr auf 4.000 pro Jahr senken, vielleicht sogar auf 400. Also, wenn wir alle Männer, Frauen und Kinder in den USA mit e-Zigaretten süchtig machen würden – zur Zeit benutzen 20% der Amerikaner Tabakprodukte – dann müssten wir diese 4.000 Todesfälle pro Jahr mit fünf multiplizieren. Dann hätten wir 20.000 Todesfälle pro Jahr, und das ist immer noch eine Menge weniger als 400.000 pro Jahr.

ECD: Und wenn man das dann weltweit nimmt...

Dr. Nitzkin: Ja, das sind alles unbeantwortete Fragen. Und eine Menge würde davon abhängen, wie diese Produkte vermarktet werden, wie sie reguliert werden usw. Aber jedesmal wenn man ein neues Produkt am Markt einführte, würde man das Risiko vergrößern, dass manche Teenager das attraktiv finden würden, die ansonsten nicht zur Zigarette gegriffen hätten.

Einen Punkt möchte ich besonders herausstellen. Frauen sind tendenziell sehr um ihr Gewicht besorgt. Einer der Hauptgründe für Frauen mit dem Rauchen anzufangen, ist, das es ihnen hilft, Ihr Körpergewicht um 2-4 kg zu senken. Für viele Frauen ist das eine Menge Gewicht und der Grund, mit dem Rauchen fortzufahren. Wenn also Frauen dächten, da gibt es etwas, das nicht so riskant ist wie Rauchen und auch keine gelben Finger verursacht, das ihnen hilft, Gewicht zu verlieren, dann wäre solch ein Produkt wirklich sehr attraktiv für eine große Zahl von jungen Frauen.

ECD: Wenn e-Zigaretten so sicher sind, wie Experten wie Sie behaupten, ist es dann nicht ethisch falsch, den Menschen die Wahl einer risikoloseren Alternative zum Rauchen vorzuenthalten? Die Information ist doch da draußen, die Diskussion wird geführt, das Produkt wird getestet – sollten Raucher nicht selbst entscheiden dürfen?

Dr. Nitzkin: Nun ja, so denken wir – aber das ist nicht die vorherrschende Meinung in den USA. Das Problem geht bis in die 60er Jahre zurück. Die damaligen Untersuchungen unterschieden nicht zwischen den Todesfällen, die auf Zigarettenkonsum zurückgehen, und denen, die auf andere Tabakprodukte zurückgehen. Und man will die tabakfreie Gesellschaft. Wenn Sie sich einmal dieser Idee verschrieben haben, dann betrachten Sie natürlich alle Tabakprodukte und tabakverwandten Produkte als gleichermaßen schädlich, ganz gleich, was die Wissenschaft sagt. Sie denken dann, dass es im besten Interesse der Amerikanischen Gesellschaft sei, jedes neue Tabakprodukt zu verbieten. Dann heißt das Ziel ganz offen Prohibition.

ECD: Also wie damals die Alkoholprohibition?

Dr. Nitzkin: Ja.

ECD: Glauben Sie, dass das Erfolg hätte?

Dr. Nitzkin: Nun, wenn wir uns dahin bewegen, dann wird es eine Menge illegaler Verkäufe und Schmuggelei geben. Aber nicht nur das. Man würde auch nicht annähernd die gesundheitlichen Vorteile erzielen, die man haben könnte, wenn diese Produkte legal wären, und es eine aufrichtige Berichterstattung über deren Gesundheitsrisiken geben würde.

ECD: Die Vorlage zum Tabakgesetz hat eine Menge Opposition von denen hervorgerufen, die sich für die Reduzierung der Schäden durch Tabakkonsum einsetzen. Können Sie Ihre Bedenken bezüglich dieser Vorlage erklären?

Dr. Nitzkin:

  1. Wir brauchen eine freundliche und positive Einstellung zur Reduzierung der Schäden durch Tabakkonsum. Wir müssen diese Produkte am Markt einführen, aber dann durch Herstellungs-, Qualitätskontrolle und Marktbeobachtung die Sicherheit gewährleisten. Wir müssen weitere Forschungen durchführen, um unsere Einschätzungen anzupassen.
  2. Wir müssen die Beschränkungen entfernen, die sich nur um Marketing und ähnliches drehen.
  3. Wir müssen uns die Warnhinweise als besonderen Fall ansehen. Denn diese Warnhinweise sagen für jedes rauchfreie Produkt: „Warnung –dieses Produkt ist keine sichere Alternative zum Rauchen." Diese Formulierung hat 87% der amerikanischen Raucher davon überzeugt, dass alle Tabakprodukte gleich gefährlich sind.
  4. Wir stellen die Wahl der FDA als Regulierungsbehörde in Frage. Dies schafft eine Situation, in der die FDA die „Sicherheit" der gegenwärtigen Zigaretten sozusagen „zertifiziert".
  5. Zu guter Letzt meinen wir, dass die Gesetzesvorlage der Bundesbehörde unabhängige Autorität verleihen muss, um Gesundheitserziehung und Marktforschung zu betreiben.

ECD: Wenn man sich die Bedenken ansieht, die von Ärzten und Aktivisten wie Ihnen, die sich für die Reduzierung von Schäden durch Tabakkonsum einsetzen, erhoben werden, was ist dann Ihrer Meinung nach die Motivation, diese Gesetzesvorlage durchzupeitschen?

Dr. Nitzkin: In den 90ern versuchte Richard Kessler, der damalige Leiter der FDA, Zigaretten zu regulieren. Der Oberste Gerichtshof sagte, dies könne er nicht ohne die Autorisierung durch den Kongress tun. Seither haben maßgebliche Politiker in beiden Häusern versucht, eine Vorlage zu entwickeln und durchzubringen, die der Bundesregierung erlauben würde, Tabakprodukte zu regulieren. Nachdem sie nun so viele Jahre daran gearbeitet haben, scheinen sie das Interesse an ihrem tatsächlichen Inhalt verloren zu haben. Sie wollen sie nur durchbringen, um wenigstens einen Fuß in der Tür zu haben. Sie haben diese Vorlage, die voller Fehler ist, aber genügend Stimmen findet, um durchzukommen. Sie wollen sagen können, dass es nun eine Regulierung von Tabakprodukten auf Bundesebene gibt, auch wenn sie völlig wirkungslos ist. Das ist einer der Gründe, warum sie sie durchpeitschen, so wie sie ist, ohne Ergänzungen. Das haben sie im Repräsentantenhaus geschafft. Und nun sieht es so aus, als ob sie das auch im Senat versuchen werden.

ECD: Wir danken für dieses Gespräch.