Interview mit Michael Siegel

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Schadensminderung von Tabakkonsum, Nichtraucherbewegung, Tabakmythen, Ideologie und Wissenschaft, Lobbyismus

Professor Doktor Michael Siegel engagiert sich leidenschaftlich für die Minderung der Schäden durch Tabak und ist unermüdlich darin, Tabakmythen aufzuklären, denen viele e-Raucher immer noch anhängen, und das mit Ehrfurcht. Wird danken Professor Siegel sehr, dass er sich die Zeit für dieses Interview genommen hat. Professor Siegel lebt und arbeitet in den USA – worauf sich auch seine Äußerungen beziehen.

Wenn Sie wollen, so können Sie mehr von Professor Siegel auf seinem Tobacco Analysis Blog lesen.

Quelle: E CIGARETTE DIRECT - aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung - im Text als ECD)

ECD: Auf Ihrem Blog entlarven Sie eine Reihe von Lügen und Halbwahrheiten, die in der Anti-Tabak-Lobby weit verbreitet sind. Können Sie uns sagen, warum Sie – ein Befürworter von Rauchverboten und der Eindämmung der Schäden durch Tabak, sich dazu entschlossen haben?

Professor Siegel: Ich trete stark für das Nichtrauchen ein und habe mich stets für Rauchverbote eingesetzt und in zahlreichen Klagen gegen die Tabakindustrie als Gutachter ausgesagt. Aber die Grundlage für meine Empfehlungen war stets eine wissenschaftliche. Die Nichtraucherbewegung ist aber anscheinend zunehmend mehr an Ideologie interessiert als an Wissenschaft und nachprüfbaren Fakten.

Teil dieser Ideologie ist der Glaube, dass der Zweck die Mittel heiligt, und es daher akzeptabel ist, die Wahrheit zu dehnen, um zu erreichen, was wir als eine „ehrenhafte Sache" ansehen. Allerdings meine ich, dass wir zuallererst im Dienste der öffentlichen Gesundheit stehen, und hohe Standards erfüllen müssen, in Hinsicht auf ethisches Handeln und wissenschaftliche Integrität. Eine unserer Verantwortungen ist es, wissenschaftliche Informationen der Öffentlichkeit wahrheitsgetreu zu vermitteln. Das ist nicht nur aus ethischen Gründen notwendig, sonder auch weil unser Ruf und die Erhaltung des öffentlich in uns gesetzten Vertrauens davon abhängen.

Eines der interessanteren Beispiele für die eher ideologische Abhängigkeit als das Vertrauen auf Wissenschaft und stichhaltige Beweise ist die Frage der e-Zigaretten, der elektrischen Zigaretten. Die größeren Nichtrauchergruppen haben die FDA aufgefordert, diese Produkte vom Markt zu nehmen. Und das, obwohl es klare Beweise gibt, dass die elektronischen Zigaretten viel sicherer als herkömmliche Zigaretten sind und sehr viel effizienter als Nikotinersatztherapien, wenn es darum geht, Raucher vom Konsum herkömmlicher Zigaretten abzuhalten. Das ist ganz klar Ideologie gegen Wissenschaft.

Die Ideologie der Nichtraucherbewegung, gelenkt durch eine Philosophie der reinen Abstinenz, hat ganz einfach keinen Raum für ein Produkt, das wie eine Zigarette aussieht und auch so benutzt wird, aber um Größenordnungen sicherer ist. In diesem Falle zählt die Wissenschaft – die gesundheitlichen Aspekte – gar nichts! Hier sitzt die Ideologie so fest, dass dem Produkt keinerlei Chance eingeräumt wird, Menschenleben zu retten.

ECD: Können Sie ein paar Beispiel für die schlimmsten Lügen, die Sie aufgedeckt haben, geben?

Professor Siegel: Eines der besten Beispiele ist vielleicht die Behauptung, die von einer Menge Nichtrauchergruppen aufgestellt wird, die Behauptung nämlich, dass schon 30 Minuten Passivrauchen genügen, um Arteriosklerose (Verhärtung von Arterien) hervorrufen kann. Die Wahrheit ist, dass es viele Jahre dauert, bis sich Arteriosklerose entwickelt. Selbst unter aktiven Rauchern sehen wir Herzerkrankungen erst, wenn die betreffende Person mindestens 20 Jahre oder mehr geraucht hat. Also ist es buchstäblich unmöglich, dass 30-minütiges Passivrauchen allein eine Verhärtung der Arterien verursachen kann.

Ein weiteres großartiges Beispiel ist die Behauptung, dass jeden einzelnen Tag 340 junge Leute an den Folgen des Rauchens sterben. Rauchen tötet gewöhnlicherweise nicht jene, die wir als „junge Leute" betrachten würden. Die im mittleren Lebensalter, sicherlich. Aber nicht viele „junge Leute" sterben täglich durch Rauchen. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wo eine Organisation anscheinend glaubt, dass ihre „Mission" so wichtig ist, dass die Tatsachen keine Rolle spielen.

ECD: Als Folge Ihres Eintretens für die Wahrheit haben Sie unter persönlichen Angriffen auf Ihren Ruf gelitten. Können Sie uns etwas darüber sagen?

Professor Siegel: Erst gestern wurde mir auf meinem Blog vorgeworfen, ich hätte von den Herstellern elektrischer Zigaretten Geld angenommen. Viele andere Anti-Raucher-Aktivisten können einfach nicht verstehen, dass jemand eine Position vertritt, die der gängigen Meinung und Haltung dieser Bewegung widerspricht, ohne auf der Gehaltsliste der Tabakindustrie zu stehen. Nachdem ich einige dieser inkorrekten wissenschaftlichen Behauptungen in Frage gestellt habe, wurde ich einfach beschuldigt, ein „Maulwurf" der Tabakindustrie zu sein. Ich wurde von zwei Diskussionsgruppen über Tabakkontrolle ausgeschlossen, da diese meine abweichende Meinung zu wesentlichen Elementen des Dogmas der Bewegung nicht tolerieren wollten.

ECD: Was ist denn die Motivation hinter diesen Unwahrheiten und den Angriffen auf Sie?

Professor Siegel: An der Oberfläche sind diese Attacken Teil der üblichen Strategie der Anti-Raucher-Bewegung. Abweichler, Dissidenten, werden vorzugsweise angegriffen. Eine Auseinandersetzung mit dem abweichenden Argument findet nicht statt. Auf einer tieferen Ebene aber – so glaube ich – finden diese Angriffe statt, weil meine Kollegen erkennen, dass ich recht habe. Es ist fast so, als ob sie eine unbewusste Schuldreaktion zeigen.

ECD: Neues Thema: Ihrer Meinung nach - wie sicher sind e-Zigaretten und wie sicher sind Sie sich dieser Sicherheit?

Professor Siegel: Ich kann nicht sagen, wie sicher die e-Zigarette ist, aber ich kann sagen, dass Sie beträchtlich sicherer ist als eine herkömmliche Zigarette. Das Inhalieren von Nikotin alleine kann nicht annähernd so gefährlich sein wie das Inhalieren von Nikotin plus tausende anderer Chemikalien, einschließlich von mehr als 40 Karzinogenen. Für diese Feststellung braucht man keine Langzeitstudien. David Sweanor bemerkt scharfsinnig, dass ein Produkt sicherer ist, das Nikotin ohne Tabak abgibt, als eines, das Nikotin mit tausenden anderen Bestandteilen des Tabakrauchs abgibt. Diese Feststellung gründet auf einfacher Wissenschaft. Jeder, der eine solche Ansicht in Zweifel zieht, sollte Nachhilfe im wissenschaftlichen Einmaleins nehmen.

Es ist wirklich keine Frage, ob e-Zigaretten sicherer als traditionelle Zigaretten sind. Die wirklichen Fragen sind, wie wirkungsvoll halten diese Produkte Raucher von Tabakzigaretten fern, wie können elektrische Zigaretten Bestandteil einer Langfriststrategie zur Raucherentwöhnung sein, und welche Botschaft im Einzelnen wollen wir über elektronische Zigaretten und Gesundheit der Öffentlichkeit vermitteln?

ECD: Gibt es eine Verschwörung gegen die e-Zigarette und andere sichere Alternativen zum Rauchen, und wenn –wer steckt dahinter?

Professor Siegel: Ich glaube nicht an eine Verschwörung gegen elektrische Zigaretten. Allerdings finde ich, dass es da eine Menge ideologiegesteuertes, dogmatisches Denken gibt, in der Nichtraucherbewegung, und dieses rigide Denken kann eine vernünftigen Öffentlichkeitsarbeit im Wege stehen. Das haben wir auch in anderen Bereichen des Gesundheitssektors gesehen. Gerade jetzt scheint dieser „Ansatz der alleinigen Abstinenz" eine vernünftige Politik der Nichtraucherbewegung zu behindern.
Brot und Butter der Nichtraucherbewegung und Tabakkontrolle ist die pharmazeutische Behandlung von Tabakabhängigkeit. Das darf man nicht vergessen. Nichtraucherbewegung und Tabakkontrolle werden weitgehend von der Pharmaindustrie unterstützt. Unsere nationalen und internationalen Konferenzen stehen sozusagen unter deren Schirmherrschaft. Die finanzielle Verflechtung von Pharmaindustrie und Nichtraucherbewegung spielt natürlich auch eine Rolle. Wenn ich auch nicht glaube, dass dies bewusst geschieht, so entsteht doch fast sicher eine unterbewusste Voreingenommenheit, wenn es solche starken finanziellen Bindungen gibt.

ECD: Zum Schluss – können Sie uns sagen, warum der Gesetzgeber denen zuhört, die am lautesten schreien, den Gesundheitsgruppen nämlich, und nicht denen, die an vorderster Front der Forschung zur Eindämmung der Schäden durch Tabakkonsum stehen, wie Sie selbst, Dr. Joel Nitzkin, Dr. Lauderson und andere?

Professor Siegel: Sie müssen verstehen, es gibt da eine finanzielle Verbindung zwischen der Gesetzgebung auf Bundes- und Staatenebene und dem Verkauf herkömmlicher Zigaretten. Der Gesetzgeber hat hier sein finanzielles Wohl an den fortgesetzten Konsum dieser Tabakprodukte gebunden. Unser nationales Gesundheitssystem zur Versorgung von Kindern aus Familien mit niedrigem Einkommen ist abhängig von Zigaretten. Viele Bundesstaaten benötigen die Erlöse aus der Tabaksteuer, um ihre Haushalte in diesen ökonomisch schwierigen Zeiten auszugleichen.

Daher ist es also nicht im „besten Interesse" der Gesetzgeber, eine Politik zu unterstützen, die ernsthaft den Verkauf von Zigaretten beeinträchtigen könnte. Tabak-Lobby und Pharma-Lobby machen es für die Hersteller von e-Zigaretten schwierig, auf ein offenes Ohr der Politiker zu treffen

ECD: Wir danken für dieses Gespräch!