e-zigarette-test - Interview mit Dr. Murray Laugesen

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Tiefenstudie über Inhaltstoffe, Gesundheitsrisiko von e-Zigaretten, e-Zigaretten testen, Nikotinentwöhnung, gesundheitliche Verbesserungen, Tabaklobby, Pharmalobby

Außerhalb der Laboratorien der Hersteller von e-Zigaretten ist der anerkannte Forscher Dr. Murray Laugesen von Health New Zealand vermutlich der Mann, der am meisten über e-Zigaretten weiß. Er hat eine der wenigen Tiefenstudien über die Inhaltsstoffe der e-Zigaretten durchgeführt und diese auf internationalen Konferenzen vorgestellt. In diesem Interview sprechen wir mit ihm über die Problematik der e-Zigaretten.

Quelle: E CIGARETTE DIRECT - aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung - im Text als ECD)

ECD: In anderen Interviews, die wir durchgeführt haben, schätzen Wissenschaftler – auf Grundlage bestehender Daten – das Gesundheitsrisiko, das von elektrischen Zigaretten ausgeht, auf 1% bis sogar 0,1% des Risikos herkömmlicher Zigaretten. Sie haben nun tatsächlich ein Gutachten erstellt, in dem Sie die elektronische Zigarette von Ruyan untersucht haben. Wie schätzen Sie die Risiken ein?

Dr. Laugesen: Unserer Einschätzung nach sind die elektrischen Zigaretten von Ruyan um zwei bis drei Größenordnungen sicherer (100 bis 1000 mal sicherer) als herkömmliche Zigaretten aus Tabak. Unsere Tests – und wir haben insgesamt auf etwa 60 Haupttoxine getestet – und keinerlei dieser im Tabakrauch enthaltenen Toxine gefunden, abgesehen von geringsten Spurenmengen. Das ist natürlich nicht überraschend, da die Betriebstemperatur des Zerstäubers einer e-Zigarette lediglich 5% - 10% der Temperatur einer brennenden Zigarette beträgt, und so werden diese flüchtigen Rauchtoxine gar nicht erst erzeugt.

Vorausgesetzt jeder Hersteller von e-Zigaretten produziert unter nachprüfbaren und nachgeprüften einwandfreien Herstellungsbedingungen und verwendet reine Zutaten, so sollten die Emissionen der e-Zigarette ebenso harmlos sein. Das Problem ist leider, dass die meisten der Hersteller hier zu wünschen lassen. Ruyan ist ein beträchtliches Risiko eingegangen und hat öffentlich die eigenen e-Zigaretten testen lassen. Mit tadellosen Ergebnissen.

ECD: Als wir Sie vor einigen Monaten zum ersten Mal um ein Interview baten, haben Sie vorgeschlagen zu warten, da Sie vermutlich weitere Informationen zu den Produkten haben würden. Auch sind mittlerweile in Neuseeland weitere Tests und Untersuchungen durchgeführt worden. Was sind die letzten Entwicklungen?

Dr. Laugesen: Auf der Konferenz der Internationalen Gesellschaft für Tabak- und Nikotinforschung in Dublin Ende April 2009 haben neuseeländische Forscher Untersuchungen vorgelegt, die zeigen, dass die e-Zigarette von Ruyan frei von den toxischen Inhaltsstoffe des Zigarettenrauchs ist. Außerdem sind diese elektronischen Zigaretten in der Lage, das Blut mit Nikotin anzureichern und so mit den Suchtdruck zu verringern.

ECD: Die meisten öffentlichen Gesundheitsgruppierungen in den USA vertreten die Position, dass diese Geräte nicht verwendet werden sollten, bis sie ausgiebigen Tests unterworfen wurden. Stimmen Sie mit dieser Position überein?

Dr. Laugesen: Wenn es sich um verschreibungspflichtige Medikamente handelte, so würde ich übereinstimmen. Aber Nikotin ist wohl bekannt und wird hier als Alternative zu dem für Verbraucher überhaupt gefährlichsten Produkt verkauft – der Zigarette aus Tabak. Das ist ein niedriges Risiko verglichen mit dem realen Risiko, dem konventionelle Raucher ausgesetzt sind. Das Risiko, wegen defekter Produkte verklagt zu werden, ist für Handel und Vertrieb versicherbar und auch nicht groß.

E-Zigaretten testen, so ausgiebig zu testen, dass ihre fast 100% Sicherheit gewährleistet werden kann, heißt in den USA nach den Verfahrensvorschriften der FDA zu testen. Das bedeutet Kosten von Millionen von Dollar, Verzögerung der Markteinführung von mehreren Jahren und einen hohen Preisaufschlag. So müssen wir entweder einfachere oder vorläufige Tests durchführen, nicht ganz so anspruchsvoll wie für eine Zulassung als Medikament. Oder auch wie in Großbritannien, wo es darum geht, das die Geräte und Depots eben nicht als Medikament und Medizinisches Gerät verkauft werden.
Also, ich möchte hoffen, dass die FDA und andere Regulierungsbehörden ihre Haltung zur e-Zigarette überdenken werden, und zwar mit der Maßgabe: wie kann man das Leben der Raucher am besten retten, wie kann die Notwendigkeit der öffentlichen Gesundheitsvorsorge gegen den Auftrag des Verbraucherschutzes abgewogen werden, und wie kann für Nikotinprodukte mit schneller Wirkung ein regulatorischer Neuansatz gefunden werden.

Das Produkt ist sicher, wirkungsvoll, und möglicherweise sogar hilfreich bei der Nikotinentwöhnung. Elektrische Zigaretten werden seit 2007 in Großbritannien verkauft (und zwar nicht als medizinische Produkte) und seit einem Jahr in den USA, ohne dass in den Medien oder auch den medizinischen Journalen von Schäden zu lesen gewesen wäre. Auch Ärzte haben keinerlei gesundheitsschädigende Reaktionen berichtet. Die e-Zigarette ist ein Produkt, das womöglich helfen kann, dass Raucher mit dem Rauchen aufhören, und damit auch hilft, die kumulative Todesrate von 1 zu 2 bei Rauchern zu verringern. Hier brauchen wir mehr Forschung.

Bisher kam von fast allen Regulierungsbehörden die einhellige Reaktion: da in den e-Zigaretten Nikotin enthalten sei, müssten sie als medizinische Produkte eingestuft werden. Das kostet Millionen an Dollar, dauert Jahre und bringt tausende und abertausende Seiten Papierkram in der Folge des regulatorischen Prozesses – all das verzögert die Markteinführung erheblich – und fällt für jedes weitere Produkt erneut an, bei jeder neuen Zulassung, bei jedem neuen Patent. Die Patente sind umstritten, und weitere Patente wie Verbesserungen - auch im Design - stehen schon an.

Auch haben wir noch den Widerspruch zwischen der „absoluten" Sicherheit von Nikotin-Ersatzprodukten (tatsächlich ist natürlich keine Droge 100% sicher) und der relativen Sicherheit von e-Zigaretten im Vergleich zum Rauchen von Tabak. Die regulierenden Behörden entscheiden für die öffentliche Gesundheit, und das kann dann sehr wohl in Widerspruch geraten zu den fundamentalen Rechten von Bürgern, sich ein hinreichend sicheres Produkt beschaffen zu können, das ihr Risiko verringern wird, vorzeitig an fortgesetztem Tabakkonsum zu sterben.

Tabakkontrollbehörden der Regierung könnten sich mit Medizinern zusammensetzen, und helfen, diese Überlegungen gegeneinander abzuwägen. So könnte man gelockerte Bestimmungen für schnell wirkende Nikotinprodukte erlassen, wie sie von der Tabakgruppe des Royal College of Physicians London neulich vorgeschlagen wurden. Staatliche Tabakkontrollbehörden könnten mit den staatlichen Gesundheits- und Forschungsstellen zusammenarbeiten, um die Produktforschung und -entwicklung zu beschleunigen, als erste Generation möglicher Tabakersatzprodukte. Eines ist ganz klar: Raucher brauchen eine ganze Generation besserer Produkte, um ihren Nikotinbedarf befriedigen zu können. Und je eher wir hier dem Markt gut zureden können, desto besser.

ECD: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und andere sind besorgt, dass das Nikotin von der e-Zigarette über die Lunge verstoffwechselt wird. Teilen Sie diese Bedenken?

Dr. Laugesen: Als erstes wissen wir, dass die Dosis pro Zug an der e-Zigarette niedrig ist, und man benötigt mehr Züge, um die Sucht zu befriedigen. Zum zweiten ist unser Befund, dass das Nikotin aus e-Zigaretten eher in den oberen Atemwegen absorbiert wird. So erreicht es nicht so schnell das Gehirn wie im Falle der Tabakzigaretten.

Der niedrigere Nikotingehalt pro Zug sowie die langsamere Aufnahme im Vergleich zur Tabakzigarette bedeuten wahrscheinlich, dass auch das Suchtrisiko geringer ist. Vielleicht können e-Zigaretten in dieser Hinsicht weiter verbessert werden, ohne den Geschmack zu beeinträchtigen. Solche e-Marken existieren vielleicht schon, aber ohne Forschungsmittel wissen wir natürlich nicht, welche das sind. Die Hersteller von e-Zigaretten, die ihre Produkte vermarkten wollen, und die öffentlichen Gesundheitsorgane, die Leben retten wollen, müssen ihre Aufmerksamkeit auf die Nikotinabgabe richten, den ohne ausreichende Nikotinabgabe werden e-Zigaretten nicht als Zigarettenersatz angenommen werden.

ECD: Wenn man nun eine elektrische Zigarette benutzt – und davon ausgehend, was wir über deren Inhaltsstoffe wissen – in welcher Hinsicht könnte ein Raucher eine Besserung seiner Gesundheit erwarten?

Dr. Laugesen: Der größte Nutzen bei der Verwendung einer elektronischen Zigarette zeigt sich beim kompletten Umstieg von der „normalen" Zigarette – mit ihrem 1:2 Risiko für einen frühen Tod - auf die e-Zigarette. Das gilt natürlich auch für jeden anderen, der mit dem Rauchen aufhören kann, falls es nicht zu einem Rückfall kommt.

Propandiol (Propylenglycol ), der Hauptbestandteil des Dampfes einer e-Zigarette, ist bekannt dafür, dass es in der Luft befindliche Grippeviren und Bakterien abtötet, und weist eine Tendenz auf, die zu schützen, die solche Luft einatmen müssen, wohingegen Tabakrauch das Todesfallrisiko in einer Grippeepidemie verdoppelt. Allerdings haben wir keine Daten, in welchem Umfang Propandiol Schutz bringt und das Einatmen von lebenden Bakterien und Viren verhindert, wenn es wie bei der e-Zigarette in zeitlichen Abständen inhaliert wird. Das verlangt nach weiterer Forschung.

ECD: Welche gesundheitlichen Umstände werden sich nicht ändern, wenn man auf die elektronische Zigarette umsteigt?

Dr. Laugesen: Elektrische Zigaretten können nicht vor Krankheiten und gesundheitlichen Schäden schützen, die durch das bisherige Rauchen bereits entstanden sind. Aber sie können helfen, dass das alles nicht noch viel schlimmer wird durch das fortgesetzte Inhalieren von reizendem und toxischem Tabakrauch.

ECD: Ungeachtet Ihrer eigenen Studien in Neuseeland und vieler Mitstreiter in der Bewegung zur Reduzierung der Schäden durch Tabakkonsum wurden e-Zigaretten verboten: in Ihrem eigenen Land Neuseeland, in Australien, in Kanada gibt es ein Defakto-Verbot, und wahrscheinlich werden sie auch in den USA dadurch illegal, dass die Anforderungen an Tests und Untersuchungen so hoch gestellt sind, dass sie im Praktischen nicht mehr durchführbar sind. Und doch scheint ein Verbot eines Produktes, das um so vieles sicherer ist als eine herkömmliche Zigarette, einfach absurd. Was ist der Grund für die Opposition gegen e-Zigaretten?

Dr. Laugesen: Die meisten mit der Regulierung Befassten würden Ihnen zustimmen und sagen, dass dieses System absurd ist. E-Zigaretten befinden sich in einer regulatorischen Zwickmühle. Nikotinprodukte sind gesetzlich in aller Regel entweder Tabakprodukte oder medizinische Produkte. Und natürlich ist die Wahl zwischen nur zwei Alternativen ein Dilemma. E-Zigaretten, die tabakfrei sein wollen, passen natürlich nicht in die erste Kategorie. Also landen sie in der zweiten, der medizinischen.

Aus der Sicht des Rauchers allerdings gehören sie in eine dritte Kategorie: Lifestyle oder „Alternative Zigarette". Das ist natürlich auch eine Frage der Marktmacht. Die Tabaklobby kontrolliert die erste Kategorie (Tabakprodukte), die Pharmalobby die zweite (medizinische Produkte). Wehrendessen sitzen die nikotinsüchtigen Raucher völlig ohnmächtig im Todestrakt. Gerne würden sie die dritte Kategorie in Anspruch nehmen und alternative Produkte kaufen, allerdings ist diese Kategorie leer.

ECD: Eine europäische Studie legt nahe, dass das Verbot von Snus tausende Leben gekostet hat. Natürlich ist hier eine Bezifferung schwierig, aber Ihrer Meinung nach, wie viele Menschen würden in Großbritannien infolge eines Verbotes von e-Zigaretten sterben?

Dr. Laugesen: Das Verbot von Snus in Europa hat sicherstellen helfen, dass die Popularität von Snus bei schwedischen Männern, die niedrige Raucherrate bei schwedischen Männern, die niedrige Lungenkrebsrate bei schwedischen Männern sich in keiner Weise positiv auf die anderen europäischen Männer haben auswirken können. Im Vergleich mit Snus hat die e-Zigarette den Vorteil, dass sie sowohl für Männer als auch für Frauen interessant ist. Solche Verbote von elektrischen Zigaretten könnten es schwierig, ja unmöglich machen herauszufinden, ob die e-Zigarette der Tabakzigarette Marktanteile entreißen kann. Wenn sie es könnte, dann würde ihr Verbot, das Potential Leben zu retten, zu Nichte machen.

ECD: Wir danken für dieses Gespräch.