e-Zigarette und Harmreduction

e-zigarette und harmreduction (schadensminderung)

Das Konzept der Schadensminderung oder „Harmreduction“ wird seit je kontrovers diskutiert. Die einen sehen in ihm die Öffnung zu Teufels Küche, andere ergreifen hier das machbar Gute.

Die Schadensminderung („Harmreduction“) verfolgt den Ansatz, dass dem mündigen Bürger auch eine informierte Entscheidung über Drogengebrauch und Missbrauch (Tabak, Alkohol, Medikamente, Heroin, Kokain, Cannabis…) zugemutet werden kann und muss.

Gleichzeitig soll ihm hier eine Alternative gezeigt werden, wie er oder sie den Gebrauch dieser Drogen in der Freizeit mit minimalen Risiko und Schaden für Gesellschaft und Gesundheit vollziehen kann.

Modelle zur Schadensminderung („Harmreduction“) gibt es schon lange im Bereich Alkohol und Narkotika – für den Bereich des Tabakkonsums schien bisher eine Umsetzung nicht möglich. Bisher.

Die e-Zigarette bietet nun zum ersten Mal die Möglichkeit, eine Versuch zur Schadensminimierung („Harmreduction“) beim Nikotinkonsum durchzuführen. Als elektronisches Gerät stellt sie dem Nutzer („Dampfer“) das Nikotin in Form eines mit Aromastoffen versetzten Aerosols zur Verfügung. Das Nikotin wird hier mit Propylenglycol – bekannt aus den Dampfmaschinen unserer Diskotheken – vernebelt und nicht durch das Verbrennen von Tabak gewonnen. Somit fehlen auch die abertausende Schadstoffe, die im Zigarettenrauch vorhanden sind.

„Harmreduction“ oder Schadensminderung

Politik beginnt mit einem Blick in die Wirklichkeit.
Erwin Teufel

Verzehr und Gebrauch von Drogen stellen ein Merkmal menschlicher Kultur durch alle Zeiten dar. In den westlichen Industrienationen hat sich im vergangenen Jahrhundert die Auswahl an legalen Drogen auf

  • Alkohol
  • Nikotin
  • Medikamente

verringert. Allerdings sei daran erinnert, dass heute illegale und vermeintlich „kulturfremde“ Drogen wie Heroin oder Cannabis in Europa und auch in Deutschland bis in die 1920 Jahre frei erhältlich waren. Ein Liter Coca-Cola enthielt bis 1903 etwa 250mg Kokain.

Drogenkonsum und Rauscherlebnis

Drogenkonsum und Rauscherlebnis sind Elemente menschlichen Lebens. Ein gemäßigter Konsum legaler Drogen (Alkohol, Nikotin, Medikamente) ist gesellschaftlich akzeptabel; die Definition des Drogenmissbrauchs durchaus zeit- und kulturabhängig.

Hier stellen sich folgende Fragen:

  1. Hat die Gesellschaft das Recht, einem erwachsenen, mündigen Bürger selbstschädigendes Verhalten zu verbieten?

    Alkoholiker und Heroinjunkies schädigen in erster Linie sich selbst. Zwar hat hier der Drogenkonsum auch schwerwiegende Folgen für die Gesellschaft und die Familie, aber diese entstehen aus den Persönlichkeitsveränderungen, die mit dem Drogenkonsum einhergehen.

    Bei der Zigarette hingegen entstehen durch den Verbrennungsprozess unmittelbar schädigende, ja tödliche Folgen für die Umstehenden („6.000 Tote durch Passivrauchen in Deutschland jedes Jahr“)

  2. Hat die Gesellschaft das Recht, einem erwachsenen, mündigen Bürger den Rausch zu verbieten?
  3. Ist die Gesellschaft überhaupt in der Lage, ein „Rauschverbot“ durchzusetzen?

Das Konzept der Schadensminderung

Das Konzept der Schadensminderung („Harmreduction“) akzeptiert nun durch „einen Blick in die Wirklichkeit“

  1. Erwachsene, mündige Bürger treffen immer wieder falsche und auch selbstschädigende Entscheidungen
  2. Das Bedürfnis nach Rausch ist ein menschliches Merkmal
  3. Entsprechende Verbote sind nicht durchsetzbar

Mit anderen Worten: in unserer tatsächlich existierenden Wirklichkeit finden wir immer zu jeder Zeit Drogen und Drogenkonsum. Dies lässt sich nicht verhindern.

Das ist natürlich nicht das Ende vom Lied. Wenn wir auch akzeptieren müssen, dass die Droge zum Menschen gehört wie der Fisch zum Fahrrad, so müssen wir noch lange nicht akzeptieren, dass Drogenkonsum einen maximalen Schaden verursacht.

Während die Falken und Dschingis Kane der Drogenpolitik als Lösung eine Erweiterung der Gefängniskapazitäten fordern, geht die „Harmreduction“ einen anderen Weg.

Hier wird gefragt: wenn wir den Konsum schon nicht verhindern wollen (aus ethischen Gründen) oder können (aus praktischen Gründen), so wollen wir doch wenigstens versuchen, den Konsum so schadfrei wie möglich zu halten.

Das ist Harmreduction.

Beispiele für Harmreduction

Als gute bereits praktizierte Programme zur Schadensminimierung finden wir

Spritzenaustauschprogramme für Heroinsüchtige
kostenfreie Abgabe von sterilen Spritzen und Nadeln an Süchtige. Senkt nachhaltig gesundheitliche Risiken für HIV oder Hepatitis
„Designated Driver“
Dieser „freiwillige Fahrdienst“ sorgt dafür, dass in eine Runde oder Kneipe abwechselnd ein Fahrer bestimmt („designiert“) wird. Dieser bleibt nüchtern und ist verantwortlich dafür, dass seine zechenden Kumpane sicher und unfallfrei nach Hause kommen.
Unzerbrechliches Geschirr
Dicke Gläser und Aschenbecher mindern das Risiko, sich im Rausch an Glasscherben zu verletzen.

Harmreduction und Zigaretten

Der gängige Ansatz der Gesundheitspolitik zur Tabakkontrolle ist, Nikotinersatzprodukte und Nikotinersatztherapien zu empfehlen. Allerdings sind diese Methoden dazu angelegt, dem Süchtigen das Maximum abzufordern: den endgültigen Verzicht auf die Droge seiner Wahl. Diese Mittel stellen also keine alternative Möglichkeit zum Nikotinkonsum dar.

Harmreduction und e-Zigarette

Eine reelle Alternative zum Rauchen von Tabak-Zigaretten ist die Verwendung einer elektronischen Zigarette. Elektronische Zigaretten enthalten keinen Tabak. Das Nikotin wird durch das Einatmen eines mit Nikotin versetzten Aerosols („Wasserdampf“) konsumiert. Da hierbei keinerlei Verbrennungsprodukte entstehen, fehlen auch die vielen gesundheitlichen Zusatzstoffe des Tabakrauches. Außerdem ist die e-Zigarette in Aussehen und Gebrauch einer Tabakzigarette sehr ähnlich, so dass auch die Gewohnheit (Hand – Mund –Saugen) weiter befriedigt wird.

Die elektronische Zigarette verlangt also vom Süchtigen keinen Totalverzicht, sondern eröffnet eine Möglichkeit, Nikotin deutlich weniger schädlich zu genießen. Die e-Zigarette bietet somit ein erhebliches Potential zur Schadensminderung bei Nikotinmissbrauch.

Schadstoffe in der e-Zigarette

Die Hauptbestandteile der Nikotindepots für e-Zigaretten sind

  • Propandiol (Propylenglycol)
  • Glycol
  • Glycerin
  • Nikotin

Die US-amerikanische FDA (Food and Drug Administration) hat Spurenmengen von Nitrosaminen und Diethylenglycol gefunden. Allerdings sind die Mengen vergleichbar mit denen von Nikotinpflastern. Die Konzentration dieser Stoffe in Tabak-Zigaretten ist 500-mal höher.

Leider fehlen noch immer schlüssige Untersuchungen über Gesundheitsgefahren durch die e-Zigarette, und die vorliegende Forschung besagt in keiner Weise, dass e-Zigaretten „gesund“ oder „ungefährlich“ sind. Allerdings erscheinen sie doch im Vergleich zur Tabakzigarette um Größenordnungen „gesünder“ und „ungefährlicher“. Das Gesundheitsrisiko scheint vergleichbar dem der Nikotinersatzmittelprodukte.

Rauchen aufhören mit der e-Zigarette

Die e-Zigarette wird immer wieder als geeignetes Mittel zur erfolgreichen Nikotinentwöhnung genannt. Hier vorliegende Untersuchungen sind nicht schlüssig. Die e-Zigarette als rauchfreie Alternative bietet in der Tat Nikotin, aber sie tut das in deutlich geringerem Umfang als die Tabakzigarette – auch hier wieder in etwa vergleichbar mit den Nikotinpflastern, -kaugummis, -sprays. Dadurch können sie durchaus das Verlangen nach einer Zigarette senken.

Vergleichbare Ergebnisse wurden allerdings auch mit nikotinfreien „Juices“ (Depots) für die e-Zigarette gemacht. Das legt nahe, dass der habituelle Faktor, also die konkrete Tätigkeit des Rauchens (Hand-Mund/greifen-halten-saugen) eine wichtige Rolle in der Raucherentwöhnung spielen.

Die e-Zigarette bietet also eine Kombination aus

  • Nikotin - ohne die vielen Zusatzstoffe, die im Tabakrauch enthalten sind
  • Gewohnheit – das Rauchritual bleibt erhalten

Sie scheint somit geeignet, die Verwendung von Tabakzigaretten zu ersetzen. Allerdings kann hier natürlich nur dann von einer erfolgreichen Nikotinentwöhnung gesprochen werden, wenn der Umstieg auf nikotinfreie „Juices“ (Depots) gelingt.

Pro und Contra

Die Gegner und Befürworter der e-Zigarette beurteilen die Sachlage völlig unterschiedlich. Wenn es nicht um eine so todernste Angelegenheit wie tödliche Erkrankungen ginge, hätte es durchaus auch erheiternde Züge. Aber schon Dürrenmatt wußte: "Uns kommt nur noch die Komödie bei!"

Gegner

Befürworter

die e-Zigarette hält von ernsten Rauchstoppversuchen ab

Wenn Rauchern über eine ernst zu nehmende Alternative zum Rauchen verfügen, wollen sie nicht länger mit dem Rauchen aufhören.

Die e-Zigarette bietet rauchfreien Nikotinkonsum und ähnelt im Aussehen und Verwendung der Zigarette.

So unterminiert sie den Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören.

Das Umsteigen auf die e-Zigarette ist kein Rauchstopp, sondern eine risikoärmere Variante des Nikotinkonsums.

Sie ermöglicht auch den Rauchern, die nicht auf Nikotin verzichten wollen und auch nicht mit dem Rauchen aufhören wollen, eine weniger schädlichere Form des Nikotingebrauchs zu erwägen.

Abhängigkeiten werden ersetzt

Der „Ex“-Raucher ersetzt womöglich ein schädliches Produkt durch ein anderes, von dem er nun in gleichem Maße abhängig ist. Hier wird also der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben

Der e-Raucher ersetzt nicht eine Abhängigkeit durch eine andere. Er ersetzt lediglich das Mittel zur Befriedigung einer bestehenden Abhängigkeit (der von Nikotin) durch eine weniger schädliche Form des Nikotinkonsums – das "Dampfen" mit der e-Zigarette.

Zusätzliche neue Verbraucher

Wenn mit der e-Zigarette ein weniger schädliches Produkt zum Nikotinkonsum angeboten wird, so findet dieses Produkt womöglich Abnehmer, die an sich nicht zur Zigarette gegriffen hätten.

So wird eine bisher unbelastete Verbrauchergruppe einem noch unbekannten, neuen Gesundheitsrisiko ausgesetzt.

Derzeit gibt es keine Hinweise, dass etwa Kinder, Jugendliche oder Nichtraucher e-Zigaretten benutzen wollen.

Die e-Zigarette wird von Rauchern verwendet, die weder auf Nikotin und Rauchritual verzichten wollen.

Es sind leidenschaftliche Raucher, die in gar keinem Fall mit dem Rauchen aufhören wollen.

Neue Alternativen bringen ein unbekanntes Risiko

Die e-Zigarette, ihre Bestandteile und die Zusammensetzung der Nikotindepots („Juices“) bilden ein unbekanntes Risiko.

e-Zigaretten könnten sich mit der Zeit als ebenso oder sogar gefährlicher erweisen als die Tabak-Zigarette.

Der Rauch der Tabakzigarette enthält viele tausende Schadstoffe - davon mehr als 40 bekannte krebserregende Stoffe.

Im Nikotindepot oder dem Dampf der e-Zigarette wurden davon höchstens Spuren entdeckt, die vergleichbar sind den Mengen, die in Nikotinersatzprodukten vorhanden sind.

Wenn e-Zigaretten auch nicht gesund sind, so scheinen sie doch in jedem Fall gesünder und weniger schädlich als Tabakzigaretten.

Literatur:

Elektronische Zigaretten als Strategie zur Schadensminderung bei der Tabakkontrolle: ein Schritt in die richtige Richtung oder eine Wiederholung alter Fehler?( Zachary Cahn, Michael Siegel)